Sonntagsgeschichte (12): SALZSTANGEN

Ob sie ihm verziehen hatte? Würde er es jemals erfahren? Es war zu spät. Für so vieles im Leben war es zu spät. Nachdenklich rührte er die Suppe um. Porreesuppe mit süßer Schärfe, das hatte sie immer geliebt. Er zwang sich, nicht in Schwermut zu verfallen. Die Sojasprossen kannte er nur aus der China-Pfanne vom Imbiss, aber seine Carina wusste, wie man eine leckere Suppe komponiert. Komposition traf es auf den Punkt, denn auf de Zutaten kam es an, das war es, was sie immer gepredigt hatte. Nun war sie schon ein Jahr nicht mehr von dieser Welt. Lilli platzte mitten in seine Grübeleien hinein, und das war auch gut so.

„Onkel Kai, wann essen wir? Ich hab´ Hunger, und Mister Farblos auch.“ Dabei streichelte die Kleine ihren Plüschpinguin, den sie liebevoll im Arm hielt.

Kai lächelte. Seine Nichte tat ihm gut, das merkte er gerade. „Lillischatz, wieso heißt er Mister Farblos?“ Das Mädchen runzelte die Stirn. „Na, er ist schwarz und weiß. Du sagst doch immer, Schwarz ist keine Farbe, und Weiß auch nicht.“

Weiß. Ob Carina auch schon dieses weiße Licht gesehen hatte, von dem alle redeten? Noch vielleicht nicht, hoffte er eine Sekunde lang. Wie lange so ein Koma dauern konnte, wussten selbst die Ärzte nicht. Kai ahnte, er würde sich darauf einrichten müssen, dass hinterher alles anders sein würde. Wenn seine Carina das alles überstand, war sie sicher in doppelter Hinsicht eine andere.

Wenn sie nicht mehr erwachte, hatte er seine Chance vertan, sein Leben gelebt. Dann gab es nichts mehr, was ihn hier noch hielt.

„Onkel Kai?“

Doch. Es gab Lilly. Ihr zuliebe musste er sich zusammenreißen. Sie hatte ein Leben als Waise nicht verdient. Welches Kind hatte das schon?

„Was ist, Schatz?“ Er strich sich die trüben Gedanken mit einer Handbewegung aus dem Gesicht und versuchte ein Lächeln.

„Der Trickfilm fängt an. Darf ich ihn sehen?“ Die Kleine streckte ihm die Hand mit der Fernbedienung entgegen, als könne sie den Fernseher nicht schon selbst anschalten. Das war ihre nonverbale Frage um Erlaubnis.

Er sagte: „Ich hole nur Salzstangen, einen Moment.“

Lilly lümmelte sich in den Sessel, während Kai sich auf die Couch setzte. Sie teilten sich eine rote Brause und eine Tüte Salzstangen. Lilly fand die Dinger viel zu salzig, rümpfte die Nase, nachdem sie probiert hatte und stellte enttäuscht fest: „.Die Erdnusflips sind besser, die hier sind so doll gesalzen.“ Ihre Bitte, Schokolade essen zu dürfen, lehnte Kai ab und vertröstete sie auf später.

Er war bedacht darauf, dass sie nicht zuviel Zucker zu sich nahm.

Kai war in der Hinsicht immer konsequenter gewesen als Carina, ihre Mutter. Deswegen ergänzten sie sich auch so gut in Erziehungsfragen. Und wieder schweiften seine Gedanken vom Film ab. Er vermisste Carina sogar jetzt, da Lilly neben ihm lauthals lachte und ihn hätte leicht anstecken können mit ihrer guten Laune. Froh darüber, dass es dem Mädchen gut ging, zwang er sich, weiter dem Film zu folgen.

Dann kam der erlösende Anruf vom Krankenhaus. Carina war aufgewacht, aber es würde noch einige Zeit vergehen, bis sie in der Lage war, Besuch zu empfangen. Die Ärzte bestätigten, dass es ihr relativ gut gehe in Anbetracht der Schwere des Unfalls. Kai hatte Angst nachzufragen, was genau das bedeutete.

Nach dem Anruf bereitete er Lilly vorsichtig darauf vor, dass sie ihre Mutter bald besuchen würden. Er musste ihren Enthusiasmus zügeln, denn sie wollte sofort nach der Jacke greifen und ins Auto steigen.

Als Lilly an diesem Abend endlich im Bett lag, saß Kai im Wohnzimmer der Plattenbauwohnung und starrte auf das Gas mit den Salzstangen, das noch vom Nachmittag dort stand. Seine Gedanken schweiften zunächst zurück in die Vergangenheit. Wieso nur hatte er ihr nichts von dieser versoffenen Vollmondnacht mit Silke erzählt? Weil ihr Quickie nicht folgenlos geblieben war? Es waren so gemischte Gefühle gewesen, die er damals empfand, als er hörte, dass Silkes Kind eine Totgeburt war. Und dafür schämte er sich, das musste er erstmal mit sich selbst ausfechten. Wie konnte er froh über den frühen Tod eines Kindes sein, seines Kindes?

Sie habe verhütet, hatte sie ihm damals geschworen, und er ließ es daraufhin geschehen. Wie sie ihn verarscht hatte! Nein, er wollte nicht der Vater ihres Kindes sein. Aber hatte Silke das verdient?
Ich war zu feige, Carina alles zu erzählen, gestand er sich ein.
Wieder und wieder analysierte er sein Verhalten, befand sich für mitschuldig und konnte sich über das symbolische blaue Auge nicht freuen, mit welchem er nochmal um eine ungewollte Vaterschaft herum gekommen war.

Carina hatte den Anruf angenommen, der ihm gegolten hatte. Wieso auch musste er sein Handy vergessen und es zudem noch eingeschaltet im Flur liegen lassen? Die Mitteilung des Krankenhauses hatte sie verwirrt. Deswegen war sie in ihren Kleinwagen gesprungen, um Lilly von der Schule abzuholen und dann? Wohin wollte sie wohl, vielleicht zu ihren Eltern?

Sie muss dermaßen gerast sein, dass alles recht schnell gegangen war: Die rote Ampel, die sie übersehen oder ignoriert hatte, der LKW von der Seite und der Überschlag mit dem Auto, das schließlich im Straßengraben landete und Feuer fing. Zwar blieb ihm die Verantwortung für Silkes Kind nochmal erspart – er konnte es selbst jetzt nicht mal als sein Kind betrachten – aber was Kai mehr beschäftigte, war die verpasste Gelegenheit, sich mit Carina, die er doch liebte, auszusprechen. Hätte sie ihm verziehen? Was würde nun werden?

Lilly und Mister Farblos standen in der Tür. Die Kleine rieb sich die Augen und blinzelte.
„Isst du immer noch Salzstangen?“, fragte sie.
„Was ist denn los, Lilly? Hat Mister Farblos dich etwa geweckt?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich kann nicht schlafen. Mister Farblos auch nicht.“

Wenn das kein Grund für Kai war, mit dem Grübeln aufzuhören. Dieses Kind hier, das war sein Kind. Sein Wunschkind. Nicht sein leibliches, aber er wollte kein anderes. Ein weiteres Kind? Vielleicht, aber nur mit Carina. Und er brachte seine Stieftochter in spe ins Bett, erzählte ihr eine Geschichte und knipste das Licht aus. Minuten später saß er bei einem Bier und ertappte sich dabei, wie er eine Salzstange nach der anderen knabberte.

Carina mochte diese Dinger nicht, hatte sie noch nie gemocht. Das andere Knabberzeug mache aber noch dicker, hatte er ihr erklärt, woraufhin sie mit gespielter Beleidigung einen Flunsch zog. Widerstrebend ließ sie sich von ihm mit einer Salzstange füttern, rümpfte die Nase und leerte ihr Weinglas in einem Zug.

Er wischte sich übers Gesicht, erhob sich und schaltete den Fernsehapparat aus. Jetzt würde alles wieder gut werden, denn Carina war auf dem Wege der Genesung.  Auf einmal hatte er keine Angst mehr davor, ihr alles zu erklären, wenn die Zeit gekommen war.

Dann warf er endlich diese dämlichen Salzstangen weg.

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