Sonntagsgeschichte (10) „Als der Kaffe alle war“ (1)

Als der Kaffee alle war

coffee-994840_640sonstige_049„Wir haben noch weitere Anmeldungen, drei Tische sind reserviert für morgen.“ Die Kellnerin Anna legte ihrer Chefin Ilona Hecht das Reservierungsbuch vor. „Und dann noch die Reisegruppe, na dann mal los“, entgegnete die nur. Das klang nicht wirklich so motivierend, wie es gemeint war. Ilona Hecht hatte diesen runden Teepavillon wie ein Schmuckstück hergerichtet – Wolkenstores an den Fenstern, milchkaffeefarbene Wände, schmiedeeiserne Garderobenständer mit Zeitungshaltern und auf alt getrimmte Bistrostühle ergänzten den frischen Duft von geröstetem Kaffee, der hier fast immer in der Luft lag. Der Gast sollte gar nicht anders können, so Ilona Hechts Vision, als Kaffee zu bestellen.

DSCI0010Doch die Reisegruppe am darauffolgenden Tag sollte etwas erleben in diesem Kaffeehaus, was sie so schnell nicht vergessen würde.
Zunächst fing der Tag ja verheißungsvoll an. Bereits in der Mittagszeit öffneten sie. Wer mittags nur kleinen Hunger verspürte, fand hier immer einen Snack. Man konnte wählen zwischen Würzfleisch, einer kräftigen Suppe, einen Salatteller.
Bereits zur Vesperzeit, also gegen drei Uhr nachmittags traf die Reisegruppe ein. Das war immerhin eine Stunde früher als vereinbart.Anna war mit der Bedienung der bereits anwesenden Gäste voll ausgelastet, so dass ihre Chefin sich um alles Weitere kümmerte. Dies war eine Ausnahme, denn auch das war eigentlich Annas Job. Anna hatte rechtzeitig mit einem Vertreter ihrer Stammkaffeemarke „Arabica Wonder“ telefoniert und ihn für den Vortag bestellt.

13.45 Uhr. Beim Befüllen der vollautomatischen Kaffeemaschinen – es waren 3 an der Zahl – stutzte sie plötzlich. Der Vorrat an Kaffee ging zur Neige. Das konnte doch gar nicht sein… Wo waren denn die Kisten vom Vertreter abgeblieben? Ilona Herbst, die am Vortag zusammen mit Victor, einem bulgarischen Aushilfskellner den Laden allein am Laufen gehalten hatte, weil Anna einen Behördentermin wahrnehmen musste, blieb zunächst gelassen. „Wann war denn der Kaffeeonkel da?“ fragte sie und zwang sich, ruhig zu klingen.
„Na der sollte gestern kommen, so war es abgemacht, gestern um elf Uhr vormittags.“
„Du hattest frei, Anna, richtig? Bei mir war niemand… Also bleibt noch Victor. Ich rufe ihn gleich an.“
„Aber Victor hat keine Schlüssel für den Keller hier.“ Annas Einwand zerstörte die letzte Hoffnung ihrer Chefin. Sie befanden sich im Keller und stellten fest, dass dort wo normalerweise ihr Kaffeevorrat gelagert wurde, alles leer war. Keine Ware. Nicht die Bohne.
Victor anzurufen bringe nichts, korrigierte sich Ilona Hecht.
„Wann hast du das mit dem Vertreter abgesprochen?“
„Vorgestern. Ich habe ihn extra wegen der Bestellungen und Reservierungen für heute angerufen. Er hat mir zugesagt, dass er am gestrigen Freitag kommen wollte.“ Ilona Hecht dachte, eigentlich ist es nun Zeit für einen mittleren Anfall. Stattdessen fragte sie stirnrunzelnd: „Sicher?“ Anna nickte nur.

13.54 Uhr. „Ich gehe wieder hoch wegen der Gäste“, beschloss Anna und setzte sich in Bewegung. „Wieviel Kaffee haben wir noch?“ „Ich schätze noch fünfzig, sechzig Portionen..“
„Was heißt das…Maschinenportionen?“
„Nein…Tassen, in etwa so viele Tassen Kaffee werden es wohl noch…“ Ilona Hecht nahm das in solchen Situationen geläufige SCH-Wort in den Mund und rief nun aufgebracht, aber das könne doch nicht sein… das reiche niemals…Anna subtrahierte sich aus dem Keller und bediente weiter. Zehn Minuten etwa dauerte es, bis ein Gast auf die Idee kam, sich in einem Kaffeehaus gar einen Kaffee zu bestellen. Anna überlegte, wie sie sich verhalten sollte.

13.59 Uhr. Ilona Herbst wählte inzwischen bereits die Nummer des Kaffeeonkels, wie sie den Vertreter vorhin genannt hatte. Noch eine Stunde, dann würden hier sechzig Reisende Kaffee und Kuchen bestellen…Ich komme in Teufels Küche, dachte die inzwischen doch sehr beunruhigte Kaffeehausbetreiberin und presste sich den Hörer ans Ohr. Umsonst – es nahm keiner ab am anderen Ende der Leitung.

14.05 Uhr „Möchten Sie wirklich Kaffee mein Herr? Schauen Sie, wir haben heute Tag des Tees – sie erhalten bis zu zwei Gläser Tee gratis….“, versuchte es Anna. „Nein vielen Dank, der Kaffee soll hier vorzüglich sein…Ich bleibe dabei!“ Der Gast mit dem erlesenen Geschmack war kein geringerer als der hier hochangesehene Chef der örtlichen Gewerbeaufsicht Mirko Kastmann. Anna kannte ihn nicht, ihr war das im Moment einerlei – auch der Kaiser von China würde hier keinen Kaffee bekommen im Moment, aber der trank ja sowieso nur Tee. „Verstehen Sie, eigentlich trinke ich kaum Kaffee…“ „…also warum damit heute anfangen,,,“, unterbrach ihn Anna, allmählich der Verzweiflung nahe. „Wissen Sie, ein Gast riet es mir…“ „Oh, oh geraaade bei Gastritis kann Tee sehr heilend wirken…“ fiel Anna dem Kastmann erneut ins Wort.
„Sie sind doch ein Kaffeehaus hier, oder? Aber wissen Sie was? Sie gefallen mir…ich meine, ihr dynamisches Engangement…Meinetwegen: Beginnen wir mit einem Glas…sagen wir… Pfefferminztee. Ist das nun okay für Sie?“ Puuh, geschafft. Aber das war nur ein Gast…Sollte Anna das nun sechzig Mal durchexerzieren, wenn die Reisegruppe kam?

14.07 Uhr. Gerade hatte Anna dem Kastmann den Kaffee aus- und den Tee eingeredet, als ihre Chefin sie zu sich hinter den Tresen winkte. Sie fahre nun los, Kaffee kaufen, es helfe alles nichts, erklärte sie ihrer besten, weil einzigen Kellnerin. Wenn es irgendwie ginge, aolle Anna mal versuchen die Aushilfe Victor ans Telefon zu bekommen, denn sie könnten Verstärkung brauchen… Dann sauste sie auch schon los, sprang in ihren Wagen und hinterliess eine Staubwolke, als sie mit qietschenden Reifen verschwand.

14.11 Uhr. Drei weitere Gäste kamen auf die Idee, sich unter anderem Kaffee zu bestellen. Bei Anna wuchs die Ratlosigkeit. Also bereitete sie zunächst weiterhin Kaffee zu wie bestellt, auf irgendeine Art Wunder hoffend. Ob ihre Chefin rechtzeitig mit Kaffee zurück sein würde? Sie stellte die Stereoanlage an und hatte eine Wienerwalzer-CD eingelegt.Vielleicht würden ein paar Gäste tanzen, und wer tanzt, bestellt schon mal keinen Kaffee…Die Gäste blickten verwundert drein. Musik? So laut? In einem Kaffeehaus? Die gedämpften Stimmen verstummten. Das Klimpern der Löffeln in den Kaffeetassen, das sie beim Umrühren verursachten, wurde übertönt, man hörte keine raschelnden Zeitungsseiten mehr, kein gelegentliches Gelächter, nur der Kaffeeduft lag noch in der Luft.

14.17 Uhr. Annas Rechnung ging nicht auf. Niemand dachte daran, sich im Walzertakt zu wiegen. Weil sie die Bestellungen nur schlecht verstehen konnte, stellte sie die Musik schließlich leiser. Sie hatte alle Hände voll zu tun. Dann fiel ihr die Bitte der Chefin ein: Victor anrufen! Ja, wann denn? Sollte sie sich klonen? Wie das wohl alles enden würde…

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