Der erkrankte Sommer

Der Sommer lag dick zugedeckt im Bett und nieste. Er wäre eigentlich mit seinem Jahreswetterdienst dran gewesen, musste die Arbeit aber unterbrechen und sich vom Herbst vertreten laassen. Der wiederum war damit überfordert, konnte er doch nur Stürme machen und Regen, oder zumindest dafür sorgen, dass die Luft richtig abkühlte.
Wenn die Menschen vor Kälte bibberten und zitterten, dann war er es zufrieden und betrachtete seinWerk mit Genugtuung.
Aber wie nur sollte er für sommerliches Wetter sorgen? Wie ging eigentlich Hitze? Weil der Frühling gerade erst in in seinen Jahresfeierabend gegangen war und der Sommer nur kurz arbeiten konnte, bevor ihn die Erkältung heimgesucht hatte, war keine Zeit für eine Einweisung gewesen.

Natürlich hatte der Herbst sich sofort bereiterklärt, dem kranken Kollegen zu helfen. Irgendein Wetter musst es schließlich geben, da hatten die Menschen und die Natur ein Recht drauf. Nun also stattete der Herbst dem kranken Sommer einen kurzen Besuch ab, um sich Tipps zu holen.
„Du musst einfach milder sein als sonst.“, begann der Sommer mit krächzender Stimme.
„So als wenn du in deinem Dienst keine Lust hast und weder Regen noch Wind anrührst.“
„Aber darf ich dann wenigstens das Laub anmalen?“
„Nein, bring doch nicht alles durcheinander. Das Laub muss doch erst genug Sonnenlicht tanken. Heb´dir das für deinen eigenen Jahreswetterdienst auf, also wenn du laut Kalender dran bist.“
Der Herbst überlegte. Etwas Graupel und Hagel müsse doch möglich sein, entgegnete er und sah den Sommer gespannt an.
„Nieselregen, meinetwegen. Aber Graupel und Hagel, das mach mal lieber später. Und wenn du wieder mit den Wolken irgendwelche komische Figuren formst am Himmel – denk bitte daran, dass du vorsichtig bist mit dem Wind. Kein Sturm, und schon gar kein Orkan oder Hurrikan, klar?“
Au ja, Hurrikan, ich liebe diese Wirbelstürme, dachte der Herbst. Aber er versprach dem Sommer, sich große Mühe bei seinem Vertretungswetter zu geben. Und doch – diese Windgeschichte liess ihn nicht los. Daran hatte er schon immer großen Spaß gehabt.

Hui, wie alles durcheinander gewirbelt wurde: Bäume, Autos, Tiere, manchmal sogar auch Menschen – alles flog durch die Luft und drehte sich dabei wie in einem Strudel… Das sah zu komisch aus… Das passte doch zum Sommer. Der müsste sich viel mehr trauen, dachte der Herbst. Immer nur Sonne, das ist langweilig und auch gar nicht gut für die Natur. Menschen und Tiere trinken viel mehr, und dadurch wird das Wasser knapper. Das ist überhaupt wahr: Und wenn dann noch die Sonne das wenige Wasser verdunsten lässt – nicht auszudenken!

Also, beschloss der Herbst insgeheim, es wird ein feuchtes Vertretungswetter geben. Der Sommer kann es ja auf mich schieben, aber er war sich sicher, er handele verantwortungsbewusst.

Der Frühling hingegen, dem er sein Vorhaben offenbarte, war entsetzt. „Dafür habe ich nicht das Feld geräumt. Ich habe die Pflanzen sprießen und die Vögel aus dem Süden wiederkehren lassen, und jedes Jahr wird es schwerer, dafür zu sorgen, dass die Menschen wieder mit erhobenen Köpfen und freundlichen Gesichtern umherlaufen – und dann willst du das alles wieder zunichte machen?“, erregte er sich.

„Das hätte der Sommer auch getan, so krank wie er jetzt ist.“, verteidigte sich der Herbst. Dass das so nicht stimmte, wusste er nur zu gut. „Schmeiß einfach nicht so viel Wolken und Wind in die Welt, wie du es sonst immer machst, wenn du mit deinem Dienst dran bist. Zum Sommerwetter gehört Sonne.“

„Ja meinetwegen. Aber das wird doch langweilig. Ich hasse es, wenn die Luft so flirrt und die Hitze wie ein schweres Tuch auf dem Land liegt. Da muss Action her, Sturm, oder Regen, wenigstens mal ein kräftiger Nebel… da kriegt das Wetter doch Profil, da wird es erst Wetter. Verstehst du, Frühling?“

Nein, der Frühling verstand nicht. Aber er vermochte diesen Dickkopf nicht umzustimmen. Also waltete der Herbst seines – oder besser – des Sommers Amtes und setzte dessen Vertretung fort.

Und wir wissen nun also auch, warum dieser Tage das Wetter so ist, wie es ist: Den armen Sommer trifft also keine Schuld. Und den Frühling auch nicht. Der Winter übrigens hat sich aus allem herausgehalten – für ihn sind die anderen drei Kollegen Weicheier. ©2016

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