EM-Wahn: Balla balla, Tschland und PappBlick Wjuing

Glosse. Laut Rio Reiser sei es „klar, dass die Welt nicht um ´nen Fußball kreist“. (Das Zitat stammt aus dem Song „Alles Lüge“.) Wenn der Meister sich da mal nicht geirrt hat… Die Medien haben nur noch die EM als Thema, so fühlt es sich jedenfalls an, und Millionen Hausanzugträger und Gartenliberos besinnen sich auf Tschland und hängen die Fahne wieder in den Wind, stellen auf der Wiese vor dem Grill einen Riesenflachbildschirm auf und ärgern sich, wenn sie nicht alle Paninibildchen für ihr Album zusammen bekommen… Was soll nur dieser Hype? Wer hat schon Zeit, alle 51 Spiele zu schauen und die Gruppentabellen durchzurechnen? Dass es genügend Brüllaffen gibt, die schon mal wichtige Fachbegriffe wie Schiedsrichter, Foul, Eierkopp und Blindfisch auf französisch üben, weil sie Karten für die EM ergattert haben, versteht sich von selbst. Die Reise und die Live-Atmosphäre im Stadion, das Jubeln und Trauern, all das sei ihnen wirklich gegönnt.

Aber dieser Wahnsinnsbohei schon im Vorvorvorfeld der Eröffnung – wann essen die Spieler, wer hat Blähungen in welcher Tonlage, welches Mittagsgericht wurde nicht aufgegessen, und diese Reportagen „vom Ort des Geschehens“, wo dann gezählt wird, ob französische Tornetze mehr Löcher haben als deutsche und so weiter, den könnte man sich sparen. Es gibt genug andere wichtige Themen in diesen Tagen. Akzeptabel finden kann man hingegen das wachsame Auge der Medien auf die Sicherheitslage im Vorfeld der Veranstaltung – schließlich treibt uns dieses Thema alle um derzeit.

Auch 2016 wieder live zu sehen: Der Merkel-Jubler.
Auch 2016 wieder live zu sehen: Der Merkel-Jubler.

Ganz besonders im Auge zu behalten sind auch die EU-Kommission und die Bundesregierung, lehrt die Erfahrung doch, dass gerne mal hektisch irgendwelche unpopulären Beschlüsse gefasst oder eklige Gesetztesentwürfe durchgewunken werden von den paar Leuten, die während der Spiele im Bundestag sitzen, weil sie keinen Fernseher haben oder zu Hause rausgeflogen sind für die Dauer der EM.

Man kann dennoch Fußball mögen und hier und da mitfiebern, sich mit Gewinnern freuen oder mit Ausgeschiedenen leiden; auch wenn man den ganzen Kommerz-Terz drumherum eher ablehnt. Schließlich muss man ja nicht für 400€ bei REWE oder LIDL einkaufen gehen, damit man genug Spielerbildchen bekommt und dann noch eine Tonne englischen Rasen beim Online-Baumarkt bestellen, damit man zwei Gratistore und einen Sack Wiesenkreide sowie ein Mittellinienlineal kostenlos oben drauf erhält… es sei denn, man hat einen Garten von der Größe Sanssouccis. Für DAS ganze Geld aber hätte man auch gleich live dabeisein können.

Dieser Platz ist so nicht bespielbar. Weiter hinten: Reporterkabine und Baumbewuchs, der die Sicht in der Südkurve behiindert.
Dieser Platz ist so nicht bespielbar. Weiter hinten: Reporterkabine und Baumbewuchs, der die Sicht in der Südkurve behindert.

Und wenn die EM dann vorbei ist und Belgien mit dem Titel im Gepäck abreist, während der Gastgeber EM-Zweiter und Deutschland EM-Dritter geworden sind, dann geht’s ans intermediale Wundenlecken in good old germany. Aber wie unser nächster Bundespräsident Lothar Matthäus schon sagte – wir dürfen dann nicht gleich (wieder) den Sand in den Kopf stecken.

2 Kommentare zu „EM-Wahn: Balla balla, Tschland und PappBlick Wjuing“

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