Wieder da: Sonntagsgeschichte (9)

EIN BUCH MUSS ERSTMAL SCHÖN SEIN. An jenem ersten Tag in meinem kleinen Laden war die Welt noch in Ordnung. Gerade räumte ich die dritte Bücherkiste ein, als das Telefon klingelte.
„Buchhandlung Gute Seiten, Schlechte Seiten?“
„Na, mit dem Namen werden Sie Absatzschwierigkeiten haben…“, antwortete eine Frauenstimme.
„Das denke ich nicht – die schlechten Seiten stehen ja im Extraregal. Mit wem spreche ich denn?“ Sie klang ziemlich herablassend.
„Baronin von Neuenberg. Wann eröffnen Sie?“
regal001„Heute ist die Neueröffnung. Und dann haben wir wochentags von 10 bis 18.00 Uhr geöffnet. Samstags gibt es immer eine Vormittagslesung. Ich würde mich freuen, wenn Sie…“
„Halt, halt, halt. Zuviel Information, danach hatte ich nicht gefragt, Herr…?“
„Hansen.“, antwortete ich wahrheitsgemäß.
„Das mit den schlechten Seiten…“, wollte die Anruferin wissen, „… das ist nicht Ihr Ernst, oder?“
„Nein, Die sind natürlich noch gut. Wir achten streng auf das Haltbarkeitsdatum.  In einem schattigen Regal halten sie sich auch länger“, scherzte ich und ergänzte vorsichtshalber: „Als schlechte Seiten bezeichnen wir hier die Werke, die wir als Mängelexemplare anbieten, Frau von Neuenberg.“
„Achso? Naja… Es ist ja Ihr Laden.“ Noch gehörte er der Bank, aber das ging die Dame nichts an.
Sie bestand darauf, Baronin genannt zu werden und erkundigte sich noch, ob sie dann mal reinschauen könnte – dumme Frage, dachte ich, lud sie aber freundlich auf ein Glas Eröffnungssekt ein.

Helene von Neuenberg legte die Zeitung mit der Anzeige beiseite. Dass ein neuer Buchladen eröffnete, freute sie als Leseratte ebenso wie als Dekorationsexpertin – hoffentlich wurde sie da fündig. Ihr neu tapeziertes Lesezimmer in der luxuriösen Villa mit den pflaumefarbenden Wänden und den schicken weißen Regalen bot nun jede Menge Platz für Bücher. Seit ihr verstorbener Mann Baron Franz von Neuenberg sie und Trudchen, ihre Pudeldame allein zurück gelassen hatte, musste sie einstweilen einen Zeitvertreib finden. Nachdem sie zum dritten Mal die Villa renoviert und umdekoriert hatte, ohne dass das ihr Vermögen sonderlich schmälerte, hatte sie beim Lesen der Anzeige spontan beschlossen, Bücher zu sammeln. Vielleicht würde sie die Schinken dann auch mal lesen… Aber das Sammeln war ihr weitaus wichtiger. Besitzen um des Besitzens Willen und aus Imagegründen – das war ihr Credo. Eigentlich. Und den Sekt, den ihr dieser Ladeninhaber da am Telefon angeboten hatte, den würde sie nicht ignorieren. Einer künftigen Kundin von Welt wie ihr stand er auch zu.

Vielleicht würde sie ja Bücher finden, die zu ihrer Einrichtung passten vom Einband her. Pflaumefarben wäre okay. Weiß wie das Regal ginge auch. Gelbe und hellgraue Bücher wären auch in Ordnung, aber dann wurde es schwierig.
Die Neuenberg musterte ihre beachtliche, fast leere Bibliothek aus zwei Schritt Entfernung. Die weißen Regale und die zwei Glasschränke konnten noch ordentlich paar Schinken vertragen. Na dann mal auf zum Buchladen mit dem komischen Namen.
„Trudiiii!! Trudilein!“, rief sie nach ihrem Hund und horchte. Nichts.
„Trudidudidudilie!“, jauchzte sie nochmal. Dass der Hund darauf nicht hörte, sprach für ihn. Er verdrehte wahrscheinlich die Augen und dachte : Och nööö… Was denn nun schon wieder…

Wenige Minuten vor Ladenöffnung postierte ich Clarissa, meine Teilzeitmitarbeiterin, mit einer Flasche Sekt neben der Tür. Neben ihr stand ein Karton mit Plastesektgläsern.
„Meinst du, es kommen viele Kunden?“, frage sie. Ich zuckte mit den Schultern, woher sollte ich das wissen?
„Also, du sagst herzlich willkommen, schauen Sie sich in Ruhe um und reichst den Sekt rüber.“, wies ich sie ein.
„Nö. Ich sag´ eh, willste saufen, musste auch kaufen…“ Clarissa, die immer zum Scherzen aufgelegte Studentin, lachte dreckig.
„Untersteh dich. Ich verlass mich auf dich, und trink bitte nicht so viel.“
In einer der Ecken hatte ich noch Bücher ein zu sortieren, ansonsten waren wir bereit. Clarissa schloss pünktlich auf. Vor der Tür stand – niemand. Sollten meine Flyer gänzlich ignoriert worden sein? In Arztpraxen und Friseurläden hatte ich sie ausgelegt, an die Bekanntmachungstafel im Supermarkt geheftet und in eine Menge Briefkästen gesteckt. Außer der alten Neuenberg hatten noch zwei weitere Interessierte angerufen, und ein Fax war angekommen mit einer Buchbestellung. Prompt hatte ich zurück gefaxt, das Buch sei bereits vorrätig, denn dem war auch so.
In der Tat hatten wir das kleine Buch „Wer fünfmal lacht“ mit fünf Geschichten verschiedener Autoren weil es so handlich und günstig ist, neben der Kasse positioniert.

Der erste Kunde war ein sehr junger Mann, bei dem ich daran zweifelte, dass er schon Sekt trinken durfte. Aber bevor ich etwas sagen konnte, hatte Clarissa ihm schon ein Glas in die Hand gedrückt. Erfreut griff er zu, wurde mich gewahr und nickte kurz zum Gruß. Ich warf meiner Mitarbeiterin einen tadelnden Blick zu und beobachtete ihn, meinen ersten Kunden. Er liess sich Zeit mit dem Sekt, was mich etwas beruhigte.
Schließlich fand er scheinbar, was er suchte und ging zur Kasse. Ich war vor ihm da und kassierte ihn ab. Er hatte sich einen Norwegen-Krimi eines deutschen Autoren ausgesucht.
„Elche morden nicht“, las er den Titel vor und fügte hinzu: „Klingt interessant.“
„Elche wohl nicht, aber… naja, mehr verrate ich nicht. Jedenfalls: gute Wahl“, antwortete ich.
„Das müssen Sie ja sagen, sie wollen ja verkaufen…“
„Wir bieten hier nur an, was auch lesenswert ist…“, konterte ich. Dafür bekam ich dann das leere  Glas in die Hand gedrückt.
Just in diesem Moment betrat eine altmodisch gekleidete Frau das Geschäft mit einem Gesichtsschleier am Hut, weißen Handschuhen bis zu den Ellenbogen und einem flauschig-muffigen Blümchenkleid, das an eine Küchengardine erinnerte. Das war bestimmt Madam Freudenberg. Sie versuchte, vornehm zu wirken und nahm den Sekt mit spitzen Fingern entgegen, rümpfte die Nase wegen der primitiven Gläser und nippte daran, bevor sie sich mir zuwandte.
„Sie sollten als Verkäufer nicht vor Kunden trinken, das schickt sich nicht.“ Ich hielt noch das Glas des jungen Mannes in der Hand und überhörte die Zurechtweisung.
„Baronin von  Neuenberg, nehme ich an?“
„Ah gut – sie sind also noch halbwegs nüchtern.“ Diese Giftnatter. Clarissa an der Tür presste sich vor Lachen die Hand vor den Mund. Mach weiter so, du Ziege, und ich bin es nicht mehr lange, dachte ich und lächelte die Schnepfe vor mir an.
„Hören Sie, Sie müssen mir helfen.“
„Soo? Wie denn?“
„Ich suche weinrote Bücher.“ Das war mal etwas Neues.
„Und – was soll drinstehen?“
„Ach wissen Sie – das ist egal. Weinrot sollten sie sein – passend zu meiner Einrichtung im Lesezimmer. Weiß geht notfalls auch. Haben Sie welche?“
„Falls nicht, färbe ich Ihnen schnell welche ein. Ähm, war ein Scherz – schauen wir mal gemeinsam.“
Clarissa näherte sich mir, zog mich zur Seite und raunte mir zu: „Verkaufe ihr doch mehrere Exemplare von ein und demselben Buch, Hauptsache, ihre Regale werden voll…“
„Wissen Sie, wir haben hier ein tolles weißes Buch. Also, der Schutzumschlag ist weiß, der Einband an sich…“
„Nehme ich. Weiter.“
Ich stöberte zwischen den Reisebänden. „Das hier ist weinrot, mit vielen tollen Fotos. Es zeigt die nordamerikanische Natur in Nationalparks…“
„Jaja, schon gut. Ein Buch muss in erster Linie was hermachen, es muss erstmal schön sein. Es soll das Regal dekorieren, schmücken, verstehen Sie?“ Allmählich fragte ich mich, ob sie überhaupt lesen konnte. Ich winkte Clarissa heran, damit sie der Baronin nach schenkte, was diese auch geschehen liess.

Am Ende verliess sie den Laden mit vier weinroten, drei weißen Büchern und einer Flasche Sekt intus. Die Neuenberg brachte mir einen beträchtlichen Umsatz ein. Zunächst. Das böse Erwachen für mich sollte der folgende Tag bringen.

Die weinroten Bücher möge ich doch bitte zurücknehmen – sie habe sich geirrt, ihr Zimmer sei pflaumenfarben und nicht weinrot. Pflaumenfarbene Bücher oder Bücher mit einem solchen Schutzumschlag hatte ich nicht im Sortiment. Anfangs weigerte ich mich, den Umtausch durchzuführen – aber als sie mit einer Klage drohte, weil ich sie mit Sekt abgefüllt haben sollte, stimmte ich zähneknirschend zu.

Eine Woche später bekam ich das erste Buch in einem pflaumenfarbenen Layout geliefert – und rief die Alte an. Und was soll ich sagen – sie kam, sah und kaufte. Zwanzig Exemplare. Seitdem warte ich darauf, dass jemand ein Buch in Eiche rustikal schreibt… denn in meiner Schrankwand ist noch Platz.
©-2016-

3 Kommentare zu „Wieder da: Sonntagsgeschichte (9)“

  1. Hallo Dirk, deine Geschichte ist manchmal nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt. 🙂 Ic finde diese einfach nur gut. Uta

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  2. Ob sie die gelesen hat? Möglich, aber eher unwahrscheinlich. Wer beschäfigt sich schon mit Inhalten, wenn nur der erste Eindruck zählt. Ich hätte ihr Cover verkauft. Die haben nicht so viel Gewicht – und nehmen nicht so viel Platz weg – für all den Tand …

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