Sehr verbunden (2)

In dem Moment, als ich die Tür zu meinem Arbeitszimmer öffnete, bemerkte ich, dass etwas nicht wie sonst war. Ich trat an meinen Schreibtisch heran. Unter der aufgeschlagenen Wochenseite meines Schreibtischkalenders wuselte, grummelte und wisperte es. Wie in einem Taubenschlag ging es zu. Mehrere dünne Stimmchen murmelten, knurrten und keiften durcheinander; offenbar stritten sie sich gerade leidenschaftlich.
Ich schaltete die Arbeitslampe ein und schlagartig hielten sie inne. Hatte ich sie erschreckt? Man konnte die Stille fast mit den Händen greifen. Nun wollte ich aufs ganze gehen und lupfte die obere Kalenderseite.
Was für eine Bescherung.
Alle meine eingetragenen Wochentermine für die kommende Woche bewegten sich unkoordiniert hin und her, stießen innerhalb der Tagesspalte, in welcher sie sich befanden, an die Ränder und prallten immer wieder gegeneinander, drängelten, quetschten und schubsten sich.

Zwei gefühlte Sekunden hatten sie inne gehalten, als ich die oberste Seite lupfte – dann fuhren sie fort, sich anzumeckern und sich panisch hin und her zu bewegen.

„Halt die Klappe, ich bin wichtiger!“, rief gerade ein Zahnarzttermin in der Dienstagsspalte und stieß die Mittagspause so derb in die Seite, dass die Ärmste an der Spaltenlinie abprallte und fast nach unten aus dem Tag herausgepurzelt wäre. „Aber ER muss vor dem Zaharzt was essen!“, heulte sie auf und meinte mich wohl damit.
„Pah, mit dem Loch im Zahn? Wie lange soll ER da kauen? ER kann ja was trinken, das genügt!“ Sie liess sich nicht beirren und drängelte sich zurück an ihren vorgesehenen Platz.

Insgesamt mochten in der Woche wohl an die zwanzig Termine herumlungern, und weil sie sich beengt fühlten, fochten sie wilde Platzkämpfe aus und stritten miteinander wie betrunkene Italiener.

Gerade als ich überlegte, was zu tun sei, bimmelte mein Handy.
„Denk dran, also hier im Dienstagsbereich ist kein Platz mehr, klar?“, rief mir die Telefonkonferenz aus der 14.00Uhr-Zeile nach.
„Menno, Chef, komm mal her: Die blöde Shoppingfahrt hier macht sich so breit… Wieso kriegt die zwei Stunden und ich nur eine halbe?“, beschwerte sich die Fernsehpause am Donnerstagnachmittag.
„Weil die Serie nur eine halbe Stunde dauert. So und nun RUUUHÄÄÄ!“ Ich drehte fast durch.

Das Handy bimmelte längst nicht mehr. Stattdessen klingelte nun das Festnetztelefon. Mein Gast-Ich war dran und berichtete, er liege jetzt im Gipsbett. Für einen Moment war ich versucht, zum Flurspiegel zu gehen, unterliess es dann aber. „Ich glaub´, mich streift ein Bus“, scherzte ich stattdessen.
„Halt die Fresse. Soll ich dir nun helfen oder ja?“
Sein Humor klebte wohl noch auf dem Asphalt, dachte ich, fügte mich aber und blieb sachlich.

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