Textprobe der Woche (1)

leseprobe

Exklusiv: Kapitel 13 aus „NICHT UMSONST“ (demnächst im Karina-Verlag)

Derzeit entsteht mal wieder in der „Respekt-Für-Dich“-Schmiede, dem Karina-Verlag ein Werk, dessen Erlös Gewaltopfern zugute kommt. Über 50 Autoren sind daran beteiligt und schreiben je ein Kapitel einer spannenden thrillerartigen Geschichte. Sie dreht sich um eine junge, drogensüchtige Aussteigerin, die als Kind ohnmächtig den Tod ihrer Eltern miterleben muss und fortan nirgends richtig zur Ruhe kommt… Aber Samantha, so heißt die Protagonistin, lernt Samuel und ein paar Leute kennen, die ihr Halt geben – bis das Leben sie in die kalte Welt hinauskatapultiert…. Sie macht viel durch, aber da gibt es auch Hermann, den Bootsmann, der vom Alter her ihr Vater sein könnte und ihr hilft, als die verhasste und totgeglaubte Tante Gabriele wieder auftaucht und einen Verkehrsunfall überlebt hat… Diese Stelle habe ich nun in meinem Kapitel, ausgerechnet dem dreizehnten (*schnell die Finger kreuzt und gen Himmel richtet*) beschrieben. Exklusiv, vor dem Lektorat und lange vor dem Erscheinen lest ihr hier ausschließlich das (von mir stammende) Kapitel 13 der spannenden Geschichte „NICHT UMSONST“  im Director´s Cut, soll heißen, in der noch zu korrigierenden Arbeitsfassung.

13.

Hermann schiebt mich in einen Raum mit einer Waschkommode. In einer Schale steht ein Krug mit Wasser vor einem großen Spiegel. „Es ist nicht der neuste Schrei“, sagt er entschuldigend, „so haben sich die Leute vor hundert Jahren gewaschen.“ Ich blicke auf und weiche erschrocken einen Schritt zurück: Das da im Spiegel soll ich sein?

Fragend sehe ich den Bootsmann an, nein, ich habe mich nicht getäuscht: Offensichtlich kann ich ihm vertrauen. Hermann gießt das Wasser aus dem Krug in die Schale, reicht mir einen Waschlappen und hält ein sauberes Handtuch in der Hand. Geduldig wartet er, bis ich mein Gesicht gesäubert habe. Das Wasser auf der Haut tut gut und schärft meine Wahrnehmung. Mir wird schwindelig, und als ich eine Sekunde lang strauchele, fängt Hermann mich auf. Geistesgegenwärtig hat er seine Unterarme unter meine Achseln geschoben und mich so vor dem Zusammensacken bewahrt.

„Es geht wieder, danke.“ Er lächelt.

Minuten später sitzen wir am Tisch neben dem Kühlschrank. Ich bin mir fast sicher, dass ich mich bei Hermann ausquatschen kann. Er ist ein freundlicher Fremder und schon deshalb als therapeutischer Helfer gut geeignet. Bald werden wir wieder unserer Wege gehen, denn eigentlich haben wir weiter nichts miteinander zu schaffen.

Also erzähle ich ihm vom Tod meiner Eltern, von meiner Tante Gabriele von Samuel und den anderen. Sein wettergegärbtes Gesicht wird ernst, während er zuhört. Hermann wiegt den Kopf hin und her, und dass ich hier sitze und reden kann, tut mir plötzlich gut.

Plötzlich hören wir draußen ein Geräusch.

Ich schaue in Richtung Tür, Hermann steht auf. Dann bellt ein Hund, zwei-, nein dreimal.

Das ist doch… Ich bin auf einmal hellwach und mein Puls rast.

„RICKY!“

Dieses Bellen erkenne ich sogar im Schlaf. Hermann folgt mir zu Tür. Einen Moment lang zweifele ich an mir, drehe mich zu ihm um und vergewissere mich: „Da… hat…doch ein Hund gebellt, oder? Wollte nur sichergehen..“ Und ich versuche ein Lächeln. Der Bootsmann nickt nur kurz.

Also öffne ich erwartungsvoll die Tür. Und erstarre.

Es ist Ricky. Wo immer Ricky war, war Samuel nicht weit – das ist nun offensichtlich anders. Denn die Leine von Ricky führt zu dem Arm von Tante Gabriele.

„Mädel, du machst ja Sachen!“, grinste sie und schickte sich an, einzutreten.

So kräftig hatte ich noch nie eine Tür ins Schloss geworfen. Die Tür knallt zu, und Hermann sieht mich fragend an. Er könnte mein Vater sein, denke ich gerade. Dieser knurrige, aber gutmütige Alte ist mir tatsächlich sympathisch. „Tante Gabriele. Wie ich befürchtet hatte.“ Diese Erklärung genügt ihm sicher nicht. Egal.

Meine Gedanken fahren Achterbahn. Wieder mal. Wie kommt DIE zu Samuels Liebling? Ein furchtbarer Plan reift plötzlich in mir. Ich bin relativ klar bei Sinnen, und dennoch denke ich immer wieder: Tante Gabriele und Ricky, das geht nicht. Die Tante muss weg!

„Hör mal – deine Selbstbedienung musst du aber abarbeiten.“ Ach, der Bootsmann holt mich wieder aus meinen Gedanken. Wie er ausgerechnet jetzt darauf kommt, wo doch die Tante vor der Tür steht, frage ich ihn.

Die Tante hämmert an die Tür, Ricky bellt. Hoffentlich bellt er die Alte an, denke ich.

„Weil ich nicht weiß, was nun passiert“, sagt Hermann, der Mann, der mit mir seine Hütte teilt, als wäre das das Natürlichste von der Welt. Ich bin immerhin eine Fremde. Als ich ihm das sage, lacht er. Hermann lacht! Ich vergesse meine Übelkeit und lächle auch. Mein Lebenswandel hat Spuren hinterlassen. „Ach Mädchen, du bist schon richtig. Hast ja einiges durchgemacht. Du kannst alles schaffen. Doch, doch, du bist so ein Typ.“ Noch immer ist mir etwas übel. Aber ich weiß, ich muss eine Entscheidung treffen: Soll ich nun mit Ricky und der Tante gehen, oder hier bleiben? „Denk nach, Sami.“ Ich zermartere mir das Gehirn. Warum soll ich mit einer Person gehen, die ich lieber tot sehen will? Aber andererseits: Ricky führt mich vielleicht zu Sam. Wenn die Tante erstmal vom Präsens in das Präteritum übergewechselt ist. Von der Gegenwart in die Vergangeheit. Plötzlich fallen mir Fremdwörter ein… Ich staune einen Moment lang still in mich hinein.

„Samantha!“, ruft Tante Gabriele von draußen. Der Collie von Sam schweigt. Der Bootsmann, dem ich Essen weggefuttert und Limo weggesoffen habe, schaut mich fragend an. Ihm schulde ich etwas. Aber er muss mir helfen, das schreckliche Frauenzimmer loszuwerden. Ob er das für mich tun wird, nur das noch?

„Ohne die Tante wird der Hund mich vielleicht zu Samuel führen“, erkläre ich ihm. Wieder wiegt er den Kopf. Nein, Hermann glaubt das scheinbar nicht. Enttäuscht weiche ich einen Schritt zurück. Er fällt mir in den Rücken, sagt, ein Mädchen wie ich gehöre zu jemandem anders, oder zu einer Familie.

Ich soll Tante Gabriele begleiten! Tränen steigen mir in die Augen. Seit wann bin ich so weinerlich? Es ist nicht Abschiedsschmerz. Hermann will das Beste für mich, aber er schickt mich zu dieser Furie. Tränen laufen mir über die Wangen.

Die Tante hämmert an die Tür. Werde ich nun tatsächlich im Heim enden – oder in der Klapse? Noch einmal höre ich den Hund bellen.

„Ich weiß, wie man sich benimmt“, sagt der Bootsmann und öffnet nun die Tür. Ich sinke auf einen Stuhl und begrabe alle Hoffnung.

Tante Gabriele und der Hund kommen herein, sie sieht sich um und lächelt den Mann an. Ich liebkose den Collie und frage ihn nach Samuel, als könne er mich verstehen.

2 Kommentare zu „Textprobe der Woche (1)“

  1. danke sehr, Katharina – deine Vorlage war auch sehr gut. Aber mehr will ich hier nicht verraten 😉
    Bin auch auf das Buch gespannt, das wird scheinbar ein dicker Wälzer…

  2. Ich muss schon sagen, dass mir das Kapitel gefällt, hast meinem Bootsmann eine tolle Aufgabe gegeben. Hoffentlich kriegt im dreizehnten die Tante ihr Fett weg…

Kommentare

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.