Kurzgeschichte: Der Woandersmitesser

einfach mal rumgesponnen...
die total gesponnene Geschichte…

In einem Land namens Nimmersatt, das an sich so flach war wie eine Bratpfanne, gab es eine Hauptstadt, die hieß Eistadt an der Dotter. Dort regierte der Präsident Karlo Rien, ein fetter, unansehnlicher Kerl. Nimmersatt hatte wirklich nur eines mit dem Paradies gemeinsam: Hier wie da gab es Milch und Honig. Ansonsten herrschte Präsident Rien mit fester, fettiger Hand und griff nicht nur zu jeder vollen Stunde nach einer Hähnchenkeule, sondern auch streng durch. Seine Mitarbeiter und Assistenten hörten ihn viel öfter schmatzen als schwatzen und sahen ihn viel seltener laufen als saufen.

Seine erste Amtshandlung als frischgebackener Präsident bestand darin, den Namen seiner finanziellen Bezüge per Verordnung zu ändern. Fortan bezog er also keine Diät mehr, sondern ein Gehalt. Karlo Rien hasste nämlich dieses D-Wort und verbat sich, dass es in seiner Anwesenheit ausgesprochen wurde. Eines Nachts nun konnte der Präsident nicht schlafen und verspürte ein unstillbares Verlangen nach Kohlenhydraten. Als er aus dem Fenster blickte, sah er einen abnehmenden Mond am Himmel und empfand ehrliches Mitleid mit dem scheinbar magersüchtigen Himmelskörper. Damit ihm selbst ein ähnliches Schicksal erspart blieb, tippelte er sofort mit seinen kurzen Beinen in Richtung Küche.

So also beherrschte die Nahrungsaufnahme Tag und Nacht das Denken und Handeln von Karlo Rien. Die wahren Regierenden, die das wirkliche Tagesgeschäft eines Staatsoberhauptes erledigten, fand man bei genauerem Hinsehen in seinem Mitarbeiterstab. Immer taten sie so, als seien alle Ideen und Entscheidungen auf dem Mist des Präsidenten gewachsen. Und hatte er wirklich mal hier und da ein schlechtes Bauchgefühl, was er auch sofort kundtat, so kamen sie bald dahinter, dass man dieses durch ein Limonadenglas voll Magenbitter schnell und effizient entscheidend verbessern konnte.

Eines Tages nun flatterte dem Präsidenten eine Einladung auf den Tisch. Das Nachbarland Bösereich, in welchem es noch die Monarchie gab, lud den dicken Nimmersattpräsidenten zu einem Jubiläumsfest bei Hofe ein. In dem Kanton Haue stand das gräfliche Schloss der Meggie Mc Meckerson, Gräfin von Schimpf und Schande. Ihr Gemal, der Graf Brüllhard von Schreihals war ein Diplomcholeriker wie man keinen besseren fand und verstand sich vortrefflich darauf, seine Untergebenen anzuschreien und auszuschimpfen, zu nerven und zu malträtieren bis sie taten, was immer er verlangte. So eilte dem Adel hierzulande ein Ruf voraus, der die einfachen Leute in Angst versetzte.

Diese Art zu herrschen war nun gar nicht die des Präsidenten von Nimmersatt. Dennoch verstand sich Karlo Rien sehr gut mit den McMeckersons, zumal sie ihn auf das Beste zu bewirten wussten. Dass es dabei immer laut und ruppig zuging, weil Streiten zum guten Ton gehörte in ganz Bösereich, fand der gemütliche Präsident meistens unterhaltsam. Also freute er sich auch an jenem Tag auf die Reise – aber wie sollte er sie antreten?

Der Kutscher aus Bösereich, ein zwielichtiger, schmieriger Typ namens Grollwut Tobezorn, der wie alle Blaublüter gern und schnell mal laut wurde, bekam einen Tobsuchtsanfall, als Karlo Rien mit seinem dicken Wanst partout nicht in die Kutsche passen wollte. Er blieb im Türrahmen stecken und fing nach einer Weile an zu jammern.

Jemand von seinem Personal kam herbeigeeilt, um von der anderen seite in die Kutsche zu steigen und dem dicken Staatsoberhaupt den Finger in den Hals zu stecken, damit dieser sich etwas erleichtere. Karlo Rien übergab sich in die Kutsche, wurde aber dadurch nicht wesentlich schlanker. Hätte die Kutsche nicht durch das Gewicht des feststeckenden Einsteigers eine gefährliche seitliche Schräglage eingenommen, sobald er auf sich mit beiden Beinen auf das Trittbrett stellte; Kutscher Tobezorn, für den das Maß nun voll war, wäre vermutlich auch so mit dem Präsidenten losgefahren. Karlo Rien liess nach einem Schreiner schicken. Der Kutscher legte von innen den Präsidentenwanst frei und schmierte ihn mit Wagenschmiere ein. Nun allerdings zeterte und schimpfte unser dicker Gemütsmensch auch ein wenig.

Es gelang ihn zu befreien, aber er musste sich baden und komplett neu einkleiden. Dann liess er seine eigene offene und um einiges größere Kutsche vorbereiten und folgte dem immer noch wütenden Kutscher seiner Gastgeber.

So gelangten sie mit reichlich Verspätung zum Schloss, wo man alsgleich mit dem Auftischen und Feiern begann. Die bildhübsche Kammerzofe Chantal Schimpfikowski turtelte mit dem Präsidenten, wie sie es mit jedem Gast tat, was wiederum Karlo Rien nicht wusste, weswegen er sich mit ihr davonschlich. Die junge Frau, an unbedingten Gehorsam gewöhnt, liess sich nahezu alles gefallen und kam im Schlafgemach schließlich auf dem Drehrumbum Karlo Rien zu liegen, und weil das doch so hoch war auf dem Kugelbauch und sie so weit weg von ihm da oben, konnte er sie mit seinen kurzen Armen nicht erreichen. Der armen Zofe wurde ganz schwindelig vor Höhenangst. Aber hätte er auf ihr liegen sollen? Dann hätte man Chantal Schimpfikowski als Abziehbild vom Laken ziehen können. So aber kamen die zwei nicht wirklich zusammen, was die Kammerzofe viel eher verschmerzen konnte als der gut gesättigte Gast.

Am Ende des zweitägigen Gelages lernte Karlo Rien noch den neuen, wie ihm schien, intriganten Diener Lügenfred von Flunkerberg kennen, der ebenfalls adligen Blutes war. Unter vielen Komplimenten half der ihm, die Vorkehrungen für die Abreise zu treffen, und als die Hinterachse der Kutsche unter der Last des einsteigenden gewichtigen Staatsmannes brach, beeilte er sich, die Haltbarkeit des Materials anzuzweifeln, nur um kein Wort über das Gewicht Riens verlieren zu müssen.

So jedenfalls verzögerte sich die Heimreise auch, denn die Reparatur nahm fast einen Tag in Anspruch.

Endlich daheim in Nimmersatt angekommen, wurde für den Präsidenten dann erstmal der Tisch reichlich gedeckt.©-dh-2015

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