Leseprobe (2) aus „Der boshafte Verblichene(2)“

leseprobeFritz Plaschke war gestorben und in aller Eile und unter maximaler Kosteneinsparung beerdigt worden. Dabei hatten auch die Bestatter Urnentreter und Grabzuweit ihren Schnitt gemacht, indem sie sparten, wo es nur ging. Die Grabstätte war aufgrund eines bedauerlichen Irrtumes noch gar nicht ausgehoben worden, weil der verantwortliche Totengräber sie im Suff mit der Baugrube für die neue städtische Klärgrube verwechselt hatte, welche seltsamerweise ausgerechnet auf dem Friedhofsgelände entstanden war. So versank Fritz Plaschkes Sarg aus Presspappe – eigentlich hatte er für sich zu Lebzeiten Buche bestellt – in der zukünftigen Klärgrube und wurde einige Tage später gewissermassen zugesch…schüttet. Das wiederum machte eine Umbettung nötig, die zu Lasten des Bestattungsunternehmens „Und Tschüß“ gehen sollte. So jedenfalls wollten es Hauab Plaschke und seine Mutter Halogenia, die hinterbliebene Witwe des Dahingeschiedenen.

„Kommt gar nicht in Frage!“, war Grabzuweits Kommentar zu einem entsprechenden Schreiben der Witwe, in welchem sie darauf pochte. Urnentreter, der immer ein wenig unbeholfen und überfordert wirkende Bestatter wies seinen Chef darauf hin, dass vielleicht in dieser Angelegenheit ein Rechtsstreit bevorstehen könnte. „Na und? Was das kostet! Wir müssen ihn von der ganzen stinkenden Kacke reinigen, noch ein Grab ausheben, und wie bekommen wir ihn überhaupt aus der ganzen Gülle raus? Neenee. Wenn die Alte nicht selbst die Kosten übernimmt, rühren wir keinen Finger.“

Plaschke sollte bald schon selbst einen Weg aus seiner stinkenden Grabstätte finden, sehr zur Verwunderung von ganz Sterbeberg-Trauerfeld. Vorerst aber entstand das unappetitliche Gerücht, Plaschke solle nicht der einzige Klärgrubenleichnam bleiben, man wolle so Friedhofsfläche sparen und noch weitere Tote fortan in die Kloake versenken. Denn mittlerweile starben auch im städtischen Seniorenheim „Zum laufenden Abspann“ immer mehr Heimbewohner. Immer mehr Kranke pilgerten zum Erlebnissterben in das Städtchen, die Stadtklinik war bereits hoffnungslos überfüllt, das Seniorenheim sollte bereits um einen Hospizanbau erweitert werden – und für das Bestattungsunternehmen „Und Tschüß“ brachen scheinbar goldene Zeiten an.

Stand der Wind allerdings ungünstig, wehte ein fäkalartiger Latrinenduft über den Marktplatz, der den wenigen mutigen oder unwissenden Kaffeehausbesuchern auf dem Markt die Zähne stumpf werden liess, so dass sie sich hurtig einen Platz im Innern der Gaststätte suchten.

„Auch Sterbenskranke haben leider eine Verdauung!“, beklagte sich der Bürgermeister der Stadt gerade auf einer Rathaussitzung. Er könne auch nicht mehr dagegen tun als eine neue Abfallbeseitigungsanlage zu planen, aber die koste nun mal Euro und keine Köttel, das Stadtsäckel sei jedoch mal wieder leer. „Wir können doch nicht einfach in der Kirche sammeln, die hat mit ihrem Dachschaden schon genug zu tun“, überlegte das Stadtoberhaupt laut, was ihm einen vernichtenden Blick des Pfarrers einbrachte, der ebenfalls an der Sitzung teilnahm. „Dann muss eben jeder Haushalt eine Art Kacksteuer zahlen…So wie man das bei öffentlichen Toiletten auch macht…“, kam ein Vorschlag aus den Reihen der Versammelten. „Ach das ist doch Blödsinn. Wie stellen Sie sich das vor – sollen wir an jeder Badezimmertür einen EC-Kartenschlitz installieren?“ „Wir müssen sehen, dass wir von den ganzen Patienten und Sterbenskranken als Stadt mehr profitieren. Wenn die nicht alle auf die Streuwiese wollen, müssen wir ihren Familien irgendwie den Dienst erweisen, dass wir deren Erbe übersichtlich halten… Sterbeberg-Trauerfeld muss auch weiterhin vom Kult um das Abnippeln profitieren. Welches Image haben wir denn sonst noch? Keines!“

Nach dieser Rede des Bürgermeisters titelte die Zeitung „Schöner Sterben“: „Keine Angst vor zu großer Erbschaft – Stadt hilft Hinterbliebenen beim Kampf gegen unverhofften Reichtum“. © Dirk Harms

2 Kommentare zu „Leseprobe (2) aus „Der boshafte Verblichene(2)““

  1. Vielen Dank, Kario – hast trotzdem alles richtig gemacht 🙂 Freue mich über deine Grüße und Wünsche. Ich grüße zurück und sage nochmals danke! 🙂

  2. Eigentlich, lieber Dirk,
    war ich auf der Suche nach einer Ecke für Grußworte … ich fand „Na los, sag was“ … aber da konnte ich auch nichts anklicken und so schreibe ich einfach mal hier meine Grüße rein, beglückwünsche Dich zu Deinem Blog und wünsche Dir mit Deinen Geschichten viel Erfolg.

    Kariologiker

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