Leseprobe „Der Anrufer“

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Dieser Tag hatte Jana besonders viele Nerven gekostet. Wenn das so weitergeht in diesem unterbezahlten Telefonjob, kriege ich mit dreißig statt Kinder graue Haare, dachte sie. Der Schichtbus konnte gar nicht mehr alle Fahrgäste aufnehmen, die an den Haltestellen warteten, und umso mehr war Jana froh, einen Sitzplatz ergattert zu haben. Heute würde sie nicht mehr aufstehen, bevor der Bus die Endstation erreicht hatte. Mochten auch mal andere ihre Plätze den älteren Leuten anbieten, die ja unbedingt zum Feierabend noch einmal einkaufen gehen mussten. Sie nicht, jedenfalls heute nicht.

Über zweihundert Anrufe hatte sie heute geführt, die Hotline war besonders stark frequentiert worden, weil heute erstmals der neue Tarif in den Markt eingeführt wurde. Manche der Anrufe waren nicht von schneller Auffassungsgabe, das hatte sie Geduld gekostet, weswegen ihr Teamleiter sie mehrfach ermahnt hatte, die Gespräche kürzer zu halten.

Nervig, dieser Typ, dachte Jana und hätte beinahe den Kopf geschüttelt, hier, im Bus, wo die Fahrgäste sie sicher fragend angesehen hätten.

Ob Andres zu Hause auf sie wartete? Jetzt nur einen kleinen Abendsnack und dann ab unter die Dusche, am liebsten mit ihm, wünschte sie sich und wurde gerade noch rechtzeitig auf die Endhaltestelle aufmerksam, bevor der Bus ins Depot abbog.

Zu Hause fand sie einen Zettel von ihrem Mann Andres vor. Er hatte nicht mehr warten können, um nicht zu spät zur Nachtschicht zu kommen. Wenngleich es auch kaum einen Unterschied machte – die Nacht an der Tankstelle war sowieso lang genug. Sein Chef hatte keinen Grund zur Klage, Andres war immer pünktlich gewesen bisher…Heute hätte Jana ihm vielleicht sogar einen Entschuldigungszettel mitgegeben. Bei der Vorstellung musste sie doch kurz lächeln:

Lieber Chef, Andres musste heute prophylaktisch und ausgiebig unter die Dusche. Deswegen hat er sich leider verspätet. Das bitte ich zu entschuldigen. Anbei sende ich ihnen meinen Mann in gereinigtem Zustand. Es grüßt unbekannterweise …

Ja, das wäre schon komisch…

Das Telefon klingelte. Auch das noch, geht der Stress hier auch noch weiter, dachte Jana stirnrunzelnd. Na gut, wer immer das ist, ich wimmle ihn ab… Neun Stunden Call Center genügen ja wohl für heute. Sie nahm den Hörer aus der Ladestation. Unbekannter Teilnehmer las Jana noch, bevor sie sich meldete.

„Guten Tag! Sie hören ein exklusives Angebot der Info-und Marketingagentur Gut- und Gernkauf…“ Die freundliche weibliche Stimme am anderen Ende des Hörers kam ohne Zweifel vom Band und wiederholte diesen Satz ständig. Jana wollte schon auflegen, als jemand wie ein Moderator über die Ansage sprach und sich Jana namentlich vorstellte. Er wolle ihr und ihrem Mann beim Geldsparen helfen und ihnen künftig zielgerichtet regionale Werbung zusenden, per E-Mail oder Post, am besten gleich in Päckchenform, dafür nur einmal im Monat, er kenne ja auch das Problem verstopfter Briefkästen, das Ganze koste nur dreißig Euro im Monat, aber wenn man bedenke, wie viel Geld man spare beim Einkaufen…, so redete er ohne Punkt und Komma und stellte Jana dann die alles entscheidende Frage, wie sie denn die Infos erhalten wolle.

„Gar nicht, lassen Sie mich damit bitte in Ruhe und löschen sie meine Daten!“ Jana war erbost. Wer weiß, wie oft der Fuzzi schon tagsüber angerufen hatte. „Ich habe Sie nicht verstanden: per Post oder per Mail?“, wiederholte der Teilnehmer unbeeindruckt.

„Hören Sie, ich lege jetzt auf.“ Gerade wollte Jana den entsprechenden Knopf am Hörer drücken, als sie ungewöhnlich laut die Anfangstakte von Beethovens fünfter Sinfonie hörte, gefolgt von dem Mundharmonika-Song aus „Spiel mir das Lied vom Tod“.

„Falsche Entscheidung, junge Frau.“ Die Stimme des Agenten klang plötzlich merkwürdig kalt. Im Hintergrund lief wieder diese nervende Ansage. „Guten Tag! Sie hören ein exklusives Angebot der Info-und Marketingagentur Gut- und Gernkauf…“ Jana blickte sich suchend um. Aber wo war die Musik hergekommen?

Etwas veränderte sich. Die Ansage schien gar nicht mehr aus dem Hörer zu kommen. Leise, aber als werde sie von den Zimmerwänden reflektiert, wiederholte die Frauenstimme diesen einen Satz, immer im gleichen freundlichen Tonfall. Die Stimme schien von irgendwo aus dem Zimmer zu kommen. Jana lief es kalt den Rücken runter. Das kann doch alles nicht wahr sein, ich halluziniere schon, befürchtete sie und drückte die Auflegen-Taste. Vergebens. Die Verbindung bestand weiter.

„Das würde ich lassen, Jana. Überdenken Sie nochmal ihre Entscheidung.“ Woher kannte dieser impertinente Typ am Hörer ihren Namen? Ah ja, sicher saß er an einem PC wie Jana auch Tag für Tag… Diese plumpe Vertraulichkeit rief Abscheu in ihr hervor. Zumal sie seinen Namen nicht verstanden hatte und dahinter pure Absicht vermutete.

***

Zur gleichen Zeit hatte Andres gerade Kunden abkassiert, die getankt und einige Kleinigkeiten eingekauft hatten. Ihm kam plötzlich die Idee, seine Frau kurz anzurufen, bevor sie nachher vielleicht schon schlief.

Er wählte die Nummer und bekam ein Freizeichen. Aber Jana ging nicht ans Telefon. Zunächst dachte Andres, sie habe tagsüber genug telefoniert und keine Lust mehr dazu an diesem Abend, aber dann fiel ihm ein, dass die Rufnummer seines Handys für Jana sichtbar war. Es war schon verwunderlich, aber vielleicht schlief sie ja schon. Einen Anrufbeantworter hatte das junge Paar nicht – also musste Andres sich damit begnügen, seine Frau erst morgens sprechen zu können.

Er dachte kurz nach: Nein, gestritten hatten sie sich nicht. Zwischen ihnen war alles in Ordnung gewesen, als sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Der nächste Kunde kam in den Tankshop, die Arbeit rief. Dass seine Frau nicht ans Telefon ging, beschäftigte ihn. Sobald er sie anrief, hatte sie immer eine Ausnahme gemacht und den Anruf entgegengenommen, mochte der Job sie noch so geschlaucht haben. Immer. Schließlich liebte sie ihn. Oder schlief sie so fest, dass das Klingeln sie nicht weckte? Ging es ihr gut? War sie etwa noch unterwegs?

***

Der Mithörmodus des Telefons war angegangen, etwas musste ihn ausgelöst haben, aber was? Jana war es nicht, gewiss nicht! Deswegen nestelte sie nervös und mit fahrigen Bewegungen am Hörer herum, riss die Batterien heraus und stieß ein triumphierendes „Ha!“ aus.

Entsetzt stellte sie nur eine Sekunde später fest, dass der Hörer noch immer leuchtete. Die Verbindung stand noch.

„Haben Sie einen der vielen Vorteile unseres Angebotes nicht verstanden?“, fragte der Agent mit nun schon deutlich weniger freundlicher Stimme. Die Worte verstand man auch, ohne nah am Hörer zu sein – das war unheimlich. Jana, ratlos und der Verzweiflung nah, kroch zur Basisstation und folgte dem Netzkabel bis zur Steckdose, zog den Stecker und antwortete nicht. „….sives Angebot der Info-und Marketingagentur Gut- und Gernkauf…„Guten Tag! Sie hören ein exklusives Angebot der Info-und Marketingagentur Gut- und Gernkauf…“

Ein Gedanke kam ihr, von dem sie sich nicht viel versprach, aber sie wollte nichts unversucht lassen: „Hören Sie, ich will ihren Vorgesetzten sprechen, sofort!“ Es klang wohl nicht so resolut, wie sie es gern wollte – aber der Agent am anderen Ende sagte plötzlich:“ Naa gut – einen Moment, Frollein Jana….“ Es raschelte am Telefon, während die Ansage im Hintergrund weiter lief. Wie hatte der Ekeltyp sie genannt – Frollein Jana? Sie wartete auf irgendetwas. Eine andere Stimme, das Ende dieser verdammten Bandansage, egal. Zwei, drei endlose Minuten verstrichen.

– Ende der Leseprobe –

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