Leseprobe (1): „Der boshafte Verblichene (2)“

SD530007Hauab Plaschke war gerade dabei, es sich mit seiner Greta in seinem kleinen Reihenhäuschen so richtig bequem zu machen. An diesem Tag waren sie gerade erst eingezogen, und das so ganz ohne Umzugshelfer. Nur Hauabs alter Freund der Ex-Plaschkelehrling mit dem Spitznamen Stecker, hatte mitangepackt und sich daher nun auch ein echtes Sterbeberger Gruften-Bräu verdient, ein Bier, das nicht mal der „Fuselschuppen“ ausschenkte.

Während also Greta und Meta Stase mit Halogenia Plaschke shoppen gegangen waren, fachsimpelten Haui und Stecker bei einem edlen Bier über Schaltschränke und Kurzschlüsse, als Hauabs Handy klingelte.
Ein aufgeregter Bürgermeister war am anderen Ende. „Ihr Vater… Sie müssen sofort kommen… er ist… er ist tot!!“ „Ich weiß, Her Bürgermeister. Und um das zu sagen…?“
„Ach Quatsch…“, fiel das verzweifelte Stadtoberhaupt Plaschke junior ins Wort, „er ist WIEDER tot…also jedenfalls ist er umgekippt und atmet mal wieder nicht mehr…“
Was hat der denn genommen, dachte Hauab Plaschke und signalisierte Stecker, der Mensch am anderen Ende sei durchgedreht. Stecker grinste und nuggelte an der Bierflasche.
„Soll das heißen, mein Vater ist im Rathaus? Aber wie soll das denn gehen?“, fragte Hauab ungläubig und erinnerte sich im selben Moment an den Zwischenfall bei der Trauerfeier, als sein Alter plötzlich die Augen aufschlug. Dann war da noch die Schulklasse und der Fluch dieses Kindes… Nein, das ging doch gar nicht.
„Schaffen Sie ihn hier weg – sofort! Lieber Herr Plaschke, ich bitte Sie! Ich habe wichtigen Besuch hier! Das kann ich niemandem erklären, also kümmern Sie sich! Ich schaffe ihn in den Keller, wir haben neben dem Archiv einen leeren Raum, da können Sie ihn abholen!“ „Kommt gar nicht in Frage. Mein Vater ist tot, nun kommen Sie mal wieder runter. Wenn Sie so überarbeitet sind, dass Sie schon Hallus haben, dann…“ “ Aber wenn ich es Ihnen doch sage…“ „Ich höre, was Sie sagen…aber ich warne Sie: Wenn das nicht wahr ist, übernehmen Sie alle Kosten!“ „Jaja… kommen Sie nur, verdammt nochmal!“
Sein Alter mache nichts als Scherereien, schimpfte der Plaschke-Spross und fuhr zusammen mit Stecker kurzerhand zum Rathaus. Zunächst rief er niemanden an, er wollte sich erstmal davon überzeugen, dass es tatsächlich an dem war, was der überdrehte Stadtmarschall da am Telefon zusammenfantasiert hatte…
Der Trend geht zum Zweitgrab

Fritz Plaschke kam nun also nicht mehr dazu, seiner besseren Hälfte Halogenia und seinem Sohn die Leviten zu lesen, weil er mal wieder das Zeitliche gesegnet hatte – und das ausgerechnet gerade in dem Moment, als er dem Bürgermeister an den Kragen wollte. Das kannte man ja mittlerweile von ihm… Niemand aber wusste, ob dieser Tod nun auch wieder vorübergehend sein und wann Plaschke erneut senile Grabflucht betreiben würde, wenn man ihn nun erneut beerdigte.
Allerdings bot es sich nun an, ihm gleich eine „normale“ Grabstätte zur Verfügung zu stellen – vielleicht würde er dann diese Ausflüge zurück nach Sterbeberg unterlassen… Daher rief Hauab Plaschke auch nicht das Bestattungsunternehmen „Und Tschüß!“ an, sondern das neu gegründete und frisch etablierte Konkurrenzunternehmen. Aber erneut sollte die Trauerfeier in der noch immer maroden Kirche stattfinden, die nach wie vor eine Baustelle war. Auch der Beichtstuhl wies noch immer leichte Brandschäden auf. Plaschkes geizigem Filius kam es nur auf das Geld an, er erkundigte sich, was es denn kosten würde.
„Also, die Beerdigung XXL inklusive Madonnenchor, Enttaufung und kleiner Seligsprechung wahlweise mit Buchesarg oder verschließbarer Keramikurne, übrigens nicht leitfähig, was elektrische Spannung betrifft – kostet wochentags nur zwölf-fünf. Sonntags gibt es sie bereits ab vierzehn, die Beerdigung XL hingegen…“
„…nennen Sie mir bitte den Preis des kleinsten Angebotes…ich habe weder Zeit noch vierl Geld!“, fiel Hauab dem Gesprächsteilnehmer ins Wort. „Und ich nehme an, Sie reden nicht von 12 Euro 50, wenn Sie zwölf-fünf sagen??“ Das Gelächter am anderen Ende der Leitung hörte sogar der Bürgermeister, der immer noch etwas aufgeregt neben Hauab Plaschke stand.
„Da haben wir dann das „Rundum-Sarglos–Angebot“ für wenig Geld, inklusive zweiminütiger Gedenkrede, Zapfenstreich und wahlweise der Urne Gustafson oder der Urne Kruga. Damit sind wir dann wochentags bei nur noch zwei-fünf, sonntags bei drei-fünf…“
Hauab runzelte die Stirn. Was waren das denn für Preise? „Was ist der Unterschied zwischen den Urnen?“, fragte er und rechnete damit, dass eine aus Papier, die andere aus Holz oder Kunststoff sein würde. Nein, es habe nichts mit dem Material zu tun, die Urnen seien aus biologisch abbaubaren Rohstoffen, bekam er zur Antwort. „Ach, und noch etwas: Die Urne Gustafson hat etwas, was die Urne Kruga nicht hat, deswegen ist sie natürlich teurer…“  Das war ja nicht zum Aushalten. „Und was ist das?“
„Ein Henkel. Sie verstehen, Die Urne für den Herrn, da gehört es sich…“ Nun beendete Hauab das Gespräch recht unwirsch, sagte, er brauche Bedenkzeit und legte auf. Der Bürgermeister erklärte ihm noch: „Es war nicht meine Schuld…Ihr Vater hat sich so doll aufgeregt, da habe ich ihn angeschrien, er soll sich beruhigen. Mehr habe ich gar nicht getan. Und wissen Sie, was er gesagt hat? Schreien Sie mich nicht an, ich war verschüttet, wie Sie wissen, hat er entgegnet, dann wurde er blass…ich meine… noch blasser…“Hauab Plaschke schüttelte den Kopf. „Tss-tss: mein Alter ein Zombie…nicht zu fassen…“
„Und? werden Sie ihn nochmal beerdigen lassen?“ Er tippte sich an die Stirn. „Den vergrab ich selbst irgendwo. Jedenfalls kommt er nicht unter die Stadtkacke zurück. In Familien geht der Trend heutzutage sowieso zum Zweitgrab, habe ich gelesen. Große Grabstätten sind noch mehr out als Klärgruben.“ Weil sie Geld kosten, du Knauserich, dachte der Bürgermeister, sagte jedoch nichts.

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