Es war nur gut gemeint. (Sonntagsgeschichte Nr. 7)

Kleinfred Wechselmann verrechnet sich...
Kleinfred Wechselmann verrechnet sich…

Die Barkasse in Geldingen war kein romantisches Boot, wie viele Touristen anfangs immer glaubten, die sich am kleinen Bahnhof des Ortes danach erkundigten, sondern eine Bank. Warum sie Barkasse und nicht Giro-Shop oder Geldhafen hieß, weiß der DAX.  Ihr Vorstandschef, ein langer schlacksiger Anzugträger mit Brille und Seitenscheitel hörte auf einen ebenso verwegenen Namen.

Kleinfred Wechselmann hatte mit diesem Namen vermutlich keine Wahl gehabt – es blieb nur eine kaufmännische Karriere für ihn übrig. Wenn man genau hinsah, konnte man sogar noch die Ärmelschonernähte am Sakko erkennen. Seine pomadigen Haare wirkten dermaßen ölig, als hätte ihn ein Autoschlosser über den Kopf gestreichelt.  Und um seine Angestellten zu motivieren, kam Wechselmann nun auf die Idee, statistische Kennzahlen auszuwerten und während eines  feucht-fröhlichen Festaktes in der Bank die besten Mitarbeiter in den jeweiligen Sparten zum MISTER und zur MISS im entsprechenden Bereich zu küren… Der Kredit mit den  höchsten Zinsen, das Konto mit dem höchsten Dispositionskredit, die Finanzierung mit der längsten Laufzeit, die Umschuldung mit den meisten Raten… lauter solche bizarren Superlative waren es, die er für auszeichnungswürdig hielt.

Seinen Mitarbeitern verklickerte er seine monetär motivierte Zielstellung mit einem lauen Scherz: “Hier wird jeder Euro zum Unsro!”  Diese Kursvorgabe bezog sich allerdings ausschließlich auf jenes Geld, welches die Kunden in die Filiale trugen und was dazu gedacht war, Safes und Schließfächer des Hauses zu füllen, die Bilanzen zum Leuchten und Wechselmanns Brieftasche zum Platzen zu bringen. Die Lohntüten der Bankangestellten aber blieben  dünn, so dass man sie auf den ersten Blick für leere gefütterte Briefumschläge halten konnte.

Dafür war ja nun diese tolle Motivationsfeier geplant. Über die würde noch lange gesprochen werden, da war sich Wechselmann sicher. Und er sollte recht behalten – allerdings auf eine für ihn unangenehme Art und Weise.  Tage vorher arbeitete er Statistiken durch, erstellte Tabellen, rechnete, formulierte und bereitete Urkunden vor. Von niemandem liess er sich dabei in die Karten schauen, selbst seine Sekretärin durfte ihn dabei nicht stören.

Es nahte der Tag der Feier. Die kleine Aula war festlich dekoriert, es gab sogar ein Rednerpult und ein Mikrofon. Schließlich ging unter den gespannten Angestellten ein Raunen um, als der Vorstandschef mit seinem dicken Redemanuskript erschien.

So wurde dann zum Beispiel Scheinhard Bündel für die Vergabe des Kredites mit dem höchsten Zinssatz des Jahres ausgezeichnet, und man munkelte, dieser sei schon jenseits der Grenze zum Wucher angesiedelt. „Scheinhard, Sie dürfen sich nun MISTER ZINS 2010 nennen!“, verkündete Wechselmann feierlich am Ende seiner kurzen Laudatio.

Das Fräulein Bilanzia aus dem  Geschäftskundenbereich  wurde als nächste Anwärterin auf einen der ominösen Titel auf die kleine Bühne gebeten.  Gespannt warteten alle in der Aula versammelten Zuschauer, was sie denn nun für eine MISS werden würde. Bilanzia Kriegegern dürfe sich fortan MISS PORTO nennen, denn sie habe so viele Bearbeitungs- und Portokosten wie noch nie in die von ihr bewilligten Kredite einberechnet, erklärte der pedantische, zahlenverliebte Wechselmann.

Er war überhaupt ein Ausnahmestatistiker, und so rief er dann als sechste und letzte Auszuzeichnende Profundia Prüfer auf, deren Aufgabe die Kreditvergabe an Privatkunden war. Sie habe zwar Kredite mit meistens kurzer Laufzeit herausgegeben, aber einer sei dabei, dessen Raten seien bemerkenswert hoch, dank der für die Bank so positiven Zinshöhe und der üblichen Zusatzgebühren für die Kreditversicherung, die Bearbeitungsgebühren, das Porto – hier wanderte sein Blick wieder zu Bilanzia Kriegegern, die noch immer dankbar lächelte und verträumt ihre Urkunde bewunderte – und so kam Wechselmann dann zur Verkündung, was für eine MISS denn Profundia Prüfer nun sei – aber diese Verkündung löste Buuh-Rufe und Gelächter im Publikum aus. Die Auszuzeichnende bekam einen hochroten Kopf und wurde ärgerlich, sagte ins Mikrofon, sie drohe Wechselmann mit einer Klage wegen Beleidigung, werde zumindest ihren Anwalt konsultieren…

Der Chef verstand minutenlang nicht, was er da mit seiner Titulierung ausgelöst hatte, bis es ihm plötzlich dämmerte. Er hätte im Boden versinken mögen vor Scham, aber so konnte er sich nur entschuldigen bei Profundia. Er wollte doch nur anspornen und motivieren… Es war zu spät, schon warf das empörte Publikum aus lauter Solidarität Kekse und Kuchenstücke auf die kleine Bühne, und Wechselmann wünschte sich weit, weit weg.

Wie konnte er auch verkünden, Frau Prüfer dürfe sich fortan MISS RATEN nennen?

Einige Tage später nahm sie zähneknirschend seine Entschuldigung an… Schließlich kannte sie ihn und wusste, wie er es gemeint hatte: Jedenfalls nicht böse, das stand fest. Da Wechselmann dann aber voller Dankbarkeit ihren Großmut lobte und ihr schwor, sie sei nun für ihn MISS VERSTÄNDNIS, kündigte sie am nächsten Tag und ließ sich per sofort beurlauben.

Der verdutzte Kleinfred Wechselmann aber verstand die Welt nicht mehr.

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